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Die Kolumne

Von Ernst von Früher

Endloses Enden

Als wir kürzlich an dieser Stelle einmal wieder eine kleine Tour d’horizon durch das aktuelle politische Neusprech-Vokab-lar machten, haben wird zwei Ausdrücke glattweg übersehen, obwohl doch just sie groß in Mode sind. Das eine ist nicht einmal ein selbständiges Substantiv, sondern die  Schrumpfform eines solchen in Gestalt einer Vorsilbe: »E(e)nd-«. Aber gerade in dieser Funktion ist das Wörtchen bei aller Einsilbigkeit vielfach verwendbar.

Nun könnte man meinen, der Einsilber komme deswegen so häufig vor, weil zur Zeit gerade Beschreibungen und/oder Beschwörungen von Endzeitszenarien im Schwange seien (Stichworte: atomare, klimatische, ökonomische und ökologische Krisen und Katastrophen, Werteverfall, Kirchenaustritte…), so daß Begriffe mit dem Ein- oder Ausgang »end(e)« – von Endlager bis Lebens- oder gar Weltende – reichlich gebraucht würden.

Auffallend ist indessen, daß die Endsüchtigkeit keineswegs oder jedenfalls nicht vorwiegend in solchen gewichtigen eschatologischen (d. h. auf die letzten Dinge bezogenen, endzeitlichen) Zusammenhängen auftritt, sondern mitten im banalen Alltagseinerlei. Wir finden da den Endbereich, den Endeffekt, die End-konsequenz, den Endbetrag, den Endverbraucher, den End-abnehmer, den Endanwender, den Endbenutzer, das Endge-rät, den Endbildschirm, den Endcode, den Endbahnhof, den Endadressaten, den Enddreißiger, die Endabrechnung, die Endabschaltung, den Endausbau, die Endausbaustufe, die Endbestimmung, die Endausscheidung… Die Aufzählung ist prinzipiell endlos. So komisch dieses Endeln (alter süddeutscher Begriff, eigentlich für das Einfassen von Stoffrändern) auf den ersten Blick wirken mag, kann es in bestimmten Zusammenhängen doch seinen Sinn haben. Wer z. B. seinen Computer herunterfährt, muß ja seine Anwendungsprogramme schön der Reihe nach abschalten, bevor er zuletzt sagen kann: Aus. Punkt. Ende. Und natürlich ist es nütz-ich, die verschiedenen Stufen in der Reihe der Abschaltungen präzise zu bezeichnen, so denn eben auch die Endabschaltung. Schließlich bezeichnet man ja auch ein Halbfinale anders als ein Finale. Und wenn die Endstufe eines in mehreren Abschnitten erfolgten Straßenausbaus fertig ist, könnte man mit einigem Recht sogar vom Endausbauende sprechen, und die Endabrechnung könnte in dem Fall heißen…

Nein, wir wollen es nicht übertreiben. Lediglich modischer Verzierungsschnickschnack, der nach Fachkennerschaft klingt, ist der zweite Ausdruck, dessen häufiger Gebrauch seit einiger Zeit auffällt: affin (von lat. affinis=angrenzend, benachbart, verwandt; allgemein bekannter ist das Substantiv Affinität). Gewiß hat und hatte immer schon das Fremdwort in etlichen Wissenschaften (Geometrie, Philosophie, Chemie oder Soziologie) als Fachterminus seinen guten Sinn. Aber  der normale Zuschauer einer Talk-runde muß sich doch erst noch daran gewöhnen, daß ein Dün-gemittel nun plötzlich nicht mehr umweltverträglich, sondern umweltaffin sein soll. Jedoch, als fortschrittsaffine moderne Zeitgenossen werden wir schon zeigen, wie lernaffin wir sind. Schließlich sind wir ja ausgewiesen als technikaffin und onlineaffin,  gleichermaßen internetaffin oder – wie man will – web-2.0-affin, eine werbungsaffine Zielgruppe, ausgesprochen marktaffin. Wir legen unser Geld bei der kundenaffinen Spezialeinrichtung einer outsourcingaffinen Großbank an, die rentneraffine Derivate im Angebot hat. Nicht eine der soeben genannten affinitätsaffinen Wortkombinationen haben wir erfunden. Vielmehr haben wir sie allesamt bei zielaffiner Recherche in real gesprochenen oder geschriebenen Texten entdeckt. Die Sprache scheint doch sehr modeaffin zu sein oder, nach alter Sprechweise – anfällig.

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