Bunzlauer Geschirr, soweit das Auge reicht
Auf den Hüseder Hof bei Bad Essen kommen Sammler von weither
Lübbecke. Haben Sie schon mal versucht, in Lübbecke ein halbwegs ansehnliches Buttergefäß aufzutreiben? Praktisch unmöglich. Als unsere Butterglocke, also dieser schöne keramische Untersatz mit dem entsprechenden Deckel, auf den Fliesen der Küche zerschellt war, war guter Rat teuer. Das Butterstück landete danach zunächst auf einer Untertasse - und rutschte dauernd weg. Dann auf einem Desserteller - auch nicht viel besser.
Währenddessen hatte ich mich schon hin und wieder auf die Suche nach einem Buttergefäß gemacht. Im Marktkauf wurde ich fündig. Nicht ganz billig, aber ich hatte eine Butterglocke. Nur: das deutsche halbe Pfund Butter passte nicht unter den ohnehin ziemlichen hässlichen Plastikdeckel. Ab in den Plastikmüll. Vorerst war keine Lösung in Sicht, bis mir meine Mutter aus dem NP für kleines Geld den nächsten Metalluntersatz mit Plastikdeckel für meine Butter mitbrachte. Doch der machte mich fertig, weil man den Deckel praktisch nicht über die Butter bekam, ohne irgendwie eine Butterschmiererei zu erzeugen. Nun reichte es und ich begann nachzudenken, von welcher Firma meine Ausgangsbutterdose (die zerschellte) gewesen war. Und - oh Wunder - es fiel mir ein: Bunzlauer war das Stichwort. Bei meiner Suche im Internet wurde ich schließlich gar nicht soweit entfernt fündig, nämlich in Hüsede, kurz vor Bad Essen.
Knappe 20 Kilometer und man stößt am Ortsrand von Hüsede auf einen Bauernhof, auf dem Ludger und Monika Wentker leben und auf rund 180 Quadratmetern Verkaufsfläche »Original Bunzlauer Keramik aus Schlesien« ausstellen und natürlich verkaufen. Monika Wentker erzählt bei einem »Pott« Kaffee ein bisschen zur Geschichte dieses Geschirrs, das man entweder gar nicht mag oder richtig liebt. Seit 1547 besteht die Bunzlauer Töpferzunft in Bunzlau, früher Niederschlesien/Preußen (he-te: Boleslawiec). Bis zum Jahre 1680 war die Bunzlauer Ware nichts Besonderes. Doch dann entdeckte man, dass sich der dort gefundene Steinzeugton bis zirka 1.340 Grad brennen ließ - und damit war das Geschirr feuerfest. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Herstellungstechnik weiter verfeinert. Was man heute in Hüsede findet ist lebensmittelechte Keramik, die sich sowohl für den Backofen und Mikrowelle als auch für die Spülmaschine eignet - und sie verliert nichts von ihrem Glanz.
Den Wentkers begegnete das Bunzlauer Geschirr zum ersten Mal bei ihrer Hochzeit im Jahre 1973. Seitdem hat es sie nicht mehr losgelassen und das Geschirr zur Hochzeit, so berichtet Monika Wentker voller Stolz, »habe ich heute noch in Gebrauch.« Mit einem kleinen Verkaufsraum auf dem Hüseder Hof fing es an. Mittlerweile ist das Angebot riesig und es ist zu vermuten, dass es in ganz Deutschland keine größere Auswahl in den Regalen gibt. Die Kundschaft kommt von weither, aus dem gesamten norddeutschen Raum bis hoch nach Hamburg, und natürlich auch aus dem Ruhrgebiet. Wer erst einmal angefangen hat zu sammeln, der wird schnell Stammkunde. Diese Erfahrung haben Ludger und Monika Wentker gemacht. Eines hat sich in den letzten Jahren durch eine zunehmend jüngere Kundschaft verändert: »Die Leute kaufen nicht mehr einheitlich, es wird viel mehr gemischt. Hauptsache Bunzlauer.«
Kontakt: Hüseder Hof, Hüseder Bruch 24, 49152 Bad Essen, Telefon: 05472 5388, Fax: 05472 2539. Im Internet kann man sich in formieren unter »bunzlauer-hof.de«. Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags 10 - 18 Uhr, samstags 10 - 13 Uhr.
Eins zum Schluss: Wir hätten in Lübbecke, das hat sich später herausgestellt, bei unserer Suche fündig werden können. Im »Scharrn 3« gibt es Geschirr, für das ein solches Buttergefäß hätte bestellt werden können - immerhin.
Leben und studieren in Peking
Abenteuer in Fernost: Svenja Mattner aus Lübbecke berichtet in Wort und Bild
Lübbecke/Berlin/Peking. Die »Musik« spielt in Fernost, insbesondere in China. Die Lübbeckerin Svenja Mattner (26) wollte unbedingt miterleben, wie schnell und wie gut dort momentan der Taktstock geschwungen wird. 2008 hatte sie bereits die Chance, einen der so genannten Tigerstaaten, nämlich Südkorea, während eines Studiums im Rahmen eines Auslandssemesters kennenzulernen.
Im letzten Jahr ihres Masterstudiums nutzte sie nun die Gelegenheit, auch die asiatische Supermacht China von innen kennenzulernen. Als Studentin der Hertie School of Governance in Berlin profitierte sie dabei von den guten Kontakten zu den besten Universitäten weltweit. Hier ihr Erfahrungsbericht: Die Tsinghua Universität in Peking, an der ich fünf Monate studieren durfte, ist die beste des Riesenreiches und genießt auch weltweit einen exzellenten Ruf. Viele jener, die in China in Wirtschaft und Politik Rang und Namen haben, sind Alumni der Universität. Hier wollen alle studieren. Und wer hier studieren darf, gehört zu den Besten Chinas. Alle Absolventen waren in ihren High-School‘s und sogar oftmals in ihren Provinzen die Besten. Absolventen der Tsinghua sind gemachte Leute, ihnen stehen alle Karrieretüren offen. Tsinghua gilt insbesondere als politische Kaderschmiede des Landes. Beispiel: Vergleichbar mit den USA, wo die letzten fünf Präsidenten Absolventen der Universitäten Harvard und Yale sind, belegen Absolventen der Tsinghua Universität Schlüsselpositionen im Zentralkomitee der KP Chinas und vielen weiteren Institutionen. Zur so genannten »Tsinghua-Mafia« gehören unter anderem der Generalsekretär der KP und Staatspräsident Chinas, Hu Jintao, und sein designierter Nachfolger Xi Jinping. Die Universität selber muss man sich als ein riesiges Areal vorstellen, auf dem rund 30.000 junge Menschen aus ganz China und der gesamten Welt lernen - und oft auch leben.
Es gibt hier fünf Kunstrasen-Sportplätze, eine Schwimmarena, zahlreiche Mensen und Restaurants zur Versorgung der Studenten, selbst Fahrradhändler mit Werkstätten gibt es hier. Denn ein Rad braucht man hier in jedem Fall, um in einigermaßen erträglicher Zeit von A nach B zu kommen. Überhaupt ist Tsinghua eine kleine Welt für sich mit eigenen Regeln. In Deutschland ganz undenkbar ist z.B. die Tatsache, dass alle Uni-Mitarbeiter - vom Professor bis zum Toilettenwärter - ihr Rentnerdasein auf dem Uni-Gelände verbringen dürfen, wenn sie es denn wollen. Und zwar in Wohnungen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden und in die sogar die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern einziehen dürfen. Die Kurse für das Auslandssemester in Peking hatte ich bereits in Berlin gewählt. Der Ablauf unterschied sich nicht wesentlich von dem an europäischen Universitäten: Es gab Vorlesungen und Seminararbeit in kleinen Gruppen. Was den Unterricht an der Tsinghua aber einzigartig macht, ist die große Zahl an hochkarätigen Gastrednern aus aller Welt. Vorlesungssprache ist englisch. Der Studiengang, für den ich mich eingeschrieben hatte, war für regulär eingeschriebene Austauschstudenten aus aller Herren Länder vorgesehen. Aber es gibt nur sehr wenige Austauschstudenten; für Chinesen gab es ein eigenes Parallelprogramm. Das Campusleben selbst hielt allerhand Hürden bereit, die täglich überwunden werden mussten, wie zum Beispiel bei der Nutzung der fachübergreifenden Bibliotheken. Auch das Aufladen der Mensakarte war nicht selten ein Geduldsspiel. Denn stellte man bei der Essenausgabe fest, dass sie nicht mehr gedeckt war, musste man ans andere Campusende gehen oder fahren, um sie dort wieder aufzuladen.
Geduld war auch im täglichen Leben außerhalb der Uni gefordert. Da ich kein Zimmer auf dem Campus ergattern konnte, musste ich mir eine private Unterkunft in Uninähe suchen. Dabei stellte ich fest, dass die Mieten in Peking extrem hoch sind und es auch schwierig ist, überhaupt eine Wohnung zu finden, die europäischem Standard entspricht und gleichzeitig auch bezahlbar ist. Hat man eine passende Wohnung gefunden, muss man sich mit dem Vermieter zusammen auf der nächsten Polizeistation anmelden. Denn die Behörden wollen wissen, wo man sich gerade in China aufhält. Überhaupt Kontrolle: Sie ist in China allgegenwärtig. In jeder U-Bahn-Station werden Taschen durchleuchtet, die Eingänge zu den Wohnblocks sind streng bewacht; manchmal werden nicht einmal Essenslieferanten durchgelassen. Und natürlich steht auch an allen Eingängen zum Unigelände Wachpersonal. Was das Kulinarische betrifft, muss man sagen, dass das chinesische Essen für den westlichen Magen eine echte Herausforderung ist. Meine erste Erinnerung an den Besuch eines Supermarktes in der Hauptstadt ist zum Beispiel untrennbar mit dem Blick auf einen riesigen Tisch mit Hühnerfüßen zu Sonderpreisen verbunden. Das Frühstück holen sich Chinesen oft an Straßenständen. Hier werden Pfannkuchen, Brötchen mit Fleischfüllung u.v.m. angeboten. Generell hatte ich das Glück, von chinesischen Freu-den in die Besonderheiten ihrer landestypischen Küche und Kultur eingewiesen zu werden. Dies geschah durch zahlreiche Besuche von Restaurants, die Spezialitäten aus den verschiedenen Provinzen des Landes anboten, hier habe ich für mich die scharfe Sichuan-Küche entdeckt.
Im Umgang mit Ausländern sind Chinesen oft schüchtern. Dies allerdings steht in krassem Widerspruch zum Umgang miteinander, zu beobachten im Straßenverkehr und beim Kampf um einen Platz in den stets überfüllten Zügen. Ohne Ellbogeneinsatz gibt es hier kaum einen Sitzplatz, und im Straßenverkehr gilt: Je größer und mehr Blech, desto eher Vorfahrt. Wobei man trotz des Chaos auf Straßen und Kreuzungen feststellen muss, dass alle aufeinander aufpassen; einen schweren Verkehrsunfall habe ich in meiner gesamten Chinazeit nicht gesehen.
In Zeiten, in denen global über Umwelt- und Klimaschutz diskutiert und gestritten wird, darf auch dieses Thema nicht unerwähnt bleiben. Der Name Peking steht auch für Smog. Wer in Deutschland über Smog klagt, war vermutlich noch nicht in Peking. Ich habe beispielsweise nach meiner Ankunft im August 2011 erst nach drei Wochen beim Blick aus meinem Wohnungsfenster den blauen Himmel und Berge am Pekinger Horizont gesehen. Tagelang liegt oft eine dichte Dunstglocke über der Stadt, die einem manchmal das Atmen schwer macht. Auch das muss man akzeptieren und damit umgehen lernen. Ständiger Wegbegleiter auf den Pekinger Straßen ist der Lärm - überall und immer wird gehupt. Die irrige Annahme der chinesischen Straßenverkehrsordnung lautet offenbar: Je länger und lauter ich hupe, umso schneller geht‘s voran. Die ständigen Staus beweisen das Gegenteil. Diese Blechlawinen können die Behörden auch nicht dadurch eindämmen, dass an bestimmten Wochentagen nur Autos mit bestimmten Endziffern ins Stadtinnere fahren dürfen. Die Strafen sind gering.
Wer sich für ein Studium in China entscheidet, sollte die Gelegenheit nutzen und auch in der Region reisen. So bieten sich Fahrten in die Metropolen Hong Kong und Shanghai an. Aber Ausflüge ins chinesische Inland, zum Beispiel ins Gelbe Gebirge oder in die Innere Mongolei sind um einiges spannender und facettenreicher. Aber Achtung: Ohne Chinesisch-Kenntnisse birgt ein solcher Ausflug viele Überraschungen. Von der Ticket-Buchung über die Fahrt mit einem Nachtzug bis zu den Toiletten auf den Raststätten wird dem auf eigene Faust reisenden westlichen Touristen eine hohe Leidensfähigkeit abverlangt. Das Erlebnis und die Erfahrungen, die man allerdings von solch einer Reise mit nach Hause nimmt, sind unvergleichlich und erlauben einem, sich ein unverfälschtes Bild des »wahren« China zu machen: Gas-freundlich, nicht unbedingt nach westlichen Standards entwickelt (wie Peking und Shanghai), aber wunderschön.
Fazit meines China-Aufenthaltes: Ich bin froh darüber, dass ich diese Erfahrung machen durfte und würde mich immer wieder dafür entscheiden. Demjenigen, der vor dieser Entscheidung steht, würde ich raten, eine solche Gelegenheit zu nutzen. Allerdings sollte man sich vor der Reise gut informieren und sehr genau planen.


